Förderverein zur Geschichte der ehemaligen Grafschaft Hauenstein

Förderverein zur Geschichte der ehemaligen Grafschaft Hauenstein

im Albbote vom 14.7.2017

Das Gedächtnis von Waldkirch

Platz neben Kirche trägt jetzt den Namen von Johann Michael Jehle.

Neugestaltung im Rahmen der Kanal- und Straßenbauarbeiten

Waldkirch (eis) Waldkirch hat am Sonntag eine besondere Ehrung erfahren. Nach der von Hermann-Josef Zoche um 9.30 Uhr zelebrierten Heiligen Messe wurde neben der Kirche in Erinnerung an den 1831 verstorbenen letzten Redmann ein Johann-Michael-Jehle-Platz eingeweiht.
Die ehemalige Grafschaft Hauenstein endete offiziell mit dem Friedensvertrag von Preßburg am 26. Dezember 1805. Damit schloss auch die Amtszeit des Redmanns Johann Michael Jehle aus Waldkirch. Geboren war er am 16. Oktober 1749 als Sohn des Bauern und Einungsmeisters Michael Jehle und seiner Frau Katharina, geborene Ebner. Er starb in Waldkirch am 18. April 1831 und wurde an der Außenwand der Pfarrkirche beigesetzt. Das kunstvolle, in einen Sandsteinsockel eingelassene Grabkreuz ist noch erhalten.

Johann Michael Jehle hatte in seinem langen Leben manch leidvolle Zeit zu durchstehen. Ein schwerer Schicksalsschlag traf ihn an seinem 47. Geburtstag. Es herrschte Krieg. Die unter General Moreau in Deutschland eingedrungenen französischen Truppen erlitten am 2. Oktober 1796 bei Biberach eine große Niederlage. Die nach Frankreich zurückflutenden Soldaten zogen plündernd durch das Rheintal und durch den Hotzenwald.

Am 16. Oktober suchten sie dabei auch Waldkirch heim, wo sie das Wirtshaus des Johann Tröndle und ein weiteres Haus anzündeten und völlig niederbrannten. Dabei ging im Haus von Johann Michael Jehle auch die Gemeindelade von Waldkirch mit vielen wertvollen Urkunden, Schriften und Belegen in Flammen auf.

Redmann Jehle legte darauf ein neues Gemeindebuch an, das sich in jenen geschichtlich bewegten Zeiten bald zu einer interessanten Chronik erweiterte, die heute noch erhalten ist. Er führt im Gemeindebuch die Namen aller Bürger von Waldkirch auf und minutiös alle Steuern und Abgaben, die sie zu entrichten hatten. Weiter die Größe des Ackerfeldes, der Matten und Waldungen sowie die Grenzen zu den Nachbargemeinden. Mit Kirche, Pfarrhaus und Pfarrscheune hatte Waldkirch anno 1808 insgesamt 13 Häuser. Auf vielen Seiten wird das Buch zu einer Chronik der Grafschaft; Überschwemmungen des Rheins, Missernten und Unglücksfälle werden mit reichlichem Zahlenmaterial registriert. In einer Statistik ohne Jahresangabe führt er die acht Einungen der Grafschaft auf mit sämtlichen Dörfern und Weilern, „ das sind 94 Ortschaften mit 2539 Häusern, 4467 Familien, 26 Geistlichen und zusammen 25 051 Seelen. Diese haben 770 Pferde und 2135 Zugochsen“.

Schließlich beklagt der Redmann die vielen neuen Steuern seit der Eingliederung der Grafschaft Hauenstein in das neue Großherzogtum Baden, wobei auch die bisherigen Verwaltungsstrukturen zerschlagen und durch neue ersetzt wurden. Mit großer Besorgnis spricht aus den Sätzen der Chronik, dass im Jahr 1809 Redmann und Einungsmeister aus ihren Diensten entlassen wurden, und statt der „acht brafen Einungsmeister“ hat man 48 Vögte und 110 Gerichtsmänner eingesetzt. Die Verwaltungsreform des jungen badischen Staates machte aus der ehemaligen Grafschaft Hauenstein nun Amtsbezirke mit Vogteien, den späteren Bürgermeisterämtern.

Viele Neuerungen auf allen Gebieten musste Johann Michael Jehle noch erleben bis zu seinem Tod 1831. Eine Delegation der seit anno 1996 neu eingesetzten Einungsmeister besucht seither alljährlich am 23. April, dem einstigen Wahltag aller Einungsmeister, das Grab des letzten Redmanns und ehrt ihn mit einem niedergelegten Bukett.

Bildtext:

Redmann Heinrich Dold (rechts) und Einungsmeister Werner Sptznagel am Grab des 1831 verstorbenen Johann Michael Jehle. Nach ihm wird jetzt ein Platz in Waldkirch benannt. Bild: Paul Eisenbeis

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