Förderverein zur Geschichte der ehemaligen Grafschaft Hauenstein

Förderverein zur Geschichte der ehemaligen Grafschaft Hauenstein

im Alb Bote vom 31.8.2010

Freiheit kostet 70 000 Gulden

Paul Eisenbeis über die Grafschaft Hauenstein
Historischer Vortrag zum 750. Jubiläum von Murg

VON MICHAEL GOTTSTEIN

Paul EisenbeisMurg Einigkeit macht stark. Dies bewiesen die Urkantone Schwyz, Uri und Unterwalden, die sich 1291 zusammengeschlossen und 1315 das Ritterheer des Herzogs Leopold I. von Habsburg besiegt hatten. Dieser Bund gegen äußere Feinde war das Vorbild der Einungen der Grafschaft Hauenstein, die sich während ihrer gut 550 Jahre währenden Zugehörigkeit zu Habsburg einer frühen Form der Selbstverwaltung erfreuten. Das Gebiet um Murg war eine der acht Einungen, daher hielt Paul Eisenbeis anlässlich des 750. Jubiläums der Gemeinde am Samstag vor rund 70 Zuhörern einen Vortrag über die Grafschaft Hauenstein.

Das Hauensteiner Gebiet kam unter habsburgische Landeshoheit, weil König Konrad IV. die Region an Rudolf von Habsburg verpfändet hatte und sie infolge seines Todes auf einem Italien-Feldzug nicht mehr auslösen konnte. Ursprünglich hieß das Gebiet Vogtei zu Hauenstein, im 16. Jahrhundert sprach man von einer Grafschaft Hauenstein, die von 1254 bis 1806 dem Hause Habsburg unterstand. Es gab zwar einige Freibauern, die Mehrzahl der Menschen waren aber Leibeigene des Stiftes Säckingen und des Klosters St. Blasien. Regiert wurde die Grafschaft von einem Vogt, der aus dem niederen Adel stammte und vom habsburgischen Landesherrn eingesetzt wurde. An seine Seite traten die Einungsmeister, die von verheirateten Männern auf offenem Feld unter freiem Himmel gewählt wurden, ähnlich, wie dies heute noch in Appenzell der Fall ist. Quellen bezeichneten die freiheitsliebenden rauen Leuten vom Schwarzwald denn auch als halbe Schweizer. Es war eine Urform direkter Demokratie, und die Einungsmeister mussten über die Geldausgaben Rechenschaft ablegen, erklärte der Referent.

Die acht Einungsmeister wählten zusammen mit ihren Vorgängern einen gemeinsamen Sprecher, der ihre Interessen gegenüber dem Vogt vertreten sollte. Die acht Einungen waren Murg, Hochsal, Rickenbach, Görwihl, Wolpadingen, Birndorf, Dogern und Höchenschwand. Mit der Talvogtei Todtnau/Schönau bestand ein Beistandspakt. Der Gründungsakt ist nicht urkundlich belegt, aber der Bund bewährte sich Mitte des 15. Jahrhunderts, als sich die Einungen gegen ein Söldnerheer erfolgreich zur Wehr setzten. 1544 wurde der Einungsmeister erstmals namentlich genannt.

Die Salpetereraufstände von 1726 bis 1755 waren nach Ansicht von Paul Eisenbeis das trübste Kapitel in der Geschichte der Grafschaft Hauenstein. Die Salpeterer hätten diejenigen traktiert, die nicht bei den Aufständen mitmachen wollte. Zu den Ruhigen zählte die Einung Murg, die keine großen Probleme mit den Stiftsdamen aus Säckingen hatten, weil diese weniger repressiv vorgingen als das Kloster St. Blasien. Im Jahre 1738 gelang es den Hauensteinern, sich für 58 000 Gulden von der Leibeigenschaft von St. Blasien loszukaufen, später konnten sich auch die Leibeigenen des Stiftes Säckingen und eines adligen Leibherrn freikaufen. Insgesamt bezahlten die Hauensteiner knapp 70 000 Gulden für ihre Freiheit, und damit war die Grafschaft das erste von Leibeigenschaft befreite Territorium in Deutschland, so Paul Eisenbeis. Dass die Habsburger der Grafschaft eine gewisse Selbstverwaltung zugestanden hatten, hängt, so der Referent, damit zusammen, dass man die Einungen nicht zum Anschluss an die Eidgenossen motivieren wollte und dass man sie als Vorposten gegen Frankreich benötigte. Außerdem waren die Einungsmeister bei der Verwaltung behilflich. Um 1700 war der Waldvogt zusammen mit einer Schreibkraft für die Verwaltung des Gebiets zuständig, heute braucht man dazu ein Landratsamt, so Paul Eisenbeis. Diese frühe Form einer demokratischen Selbstverwaltung endete 1805 mit dem Anschluss der ehemaligen vorderösterreichischen Gebiete an das Großherzogtum Baden.

Konrad Lüthy von der Jubiläumskommission dankte dem Referenten und wies darauf hin, dass der ehemalige Gemeinderat Helmut Jehlin ein direkter Nachfahre des Einungsmeisters Josef Jehlin ist, der 1738 den Freiheitsbrief unterzeichnet hatte.

Bildtext:
Paul Eisenbeis hielt am Samstag im St.-Magnus-Haus einen Vortrag über die Grafschaft Hauenstein, zu der auch die Einung Murg gehörte.

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